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Tätigkeitsbericht
der ai Gruppe
im Landkreis Miesbach
für das Jahr 2009

(Karikatur von Alois Kuhn, Der moderne Sisyphus)
1. "Man muss sich Sisyphus als glücklichen Menschen
denken"
Zu eingangs eine kurze Erinnerung an Ihre Schulzeit - griechische Mythologie.
Wir hoffen, Sie haben in dieser Stunde nicht gefehlt!
"Die Götter hatten Sisyphus dazu verdammt, unablässig einen Felsen
auf den Gipfel eines Berges hinaufzurollen, von wo der Stein dann durch
sein Eigengewicht wieder ins Tal zu rollen pflegte. Sie hatten mit einem
gewissen Recht gedacht, dass es keine schrecklichere Strafe gäbe, als
die Arbeit, die ohne Nutzen und Hoffnung sei."
So schrieb der französische Schriftsteller Albert Camus in einer Abhandlung
aus dem Jahre 1942. "Vom Alter her gut abgelagert, dieser Text", werden
Sie sagen, "passt zur ai-Gruppe, die auch schön langsam in die Jahre kommt".
Letzteres sei zugestanden, ist aber nicht der Grund, warum wir uns den
Sisyphus für das vergangene Jahr mit als Leitfigur ausgesucht haben. Zum
einen spiegelt seine "Arbeit ohne Nutzen und Hoffnung" den düsteren Grundton
des aktuellen Amnesty Reports wieder, der in seiner Einleitung von einer
"Menschenrechtskrise" spricht. Zum anderen sind auch auf lokaler Ebene
einige unserer Veranstaltungen, vorsichtig ausgedrückt, keine "Gipfelerlebnisse"
geworden, sondern eher den Berg/Bach hinuntergelaufen.
Aber bevor wir die Mundwinkel resigniert und beleidigt nach unten verziehen,
sollte man in diesem "gut abgelagerten" Text weiter lesen. Bei Camus heißt
es nämlich am Ende des Buches: "Der Kampf auf dem Weg zum Gipfel genügt,
um das Herz eines Menschen auszufüllen. Man muss sich Sisyphus als glücklichen
Menschen denken."
Nun sind wir bei unserer Arbeit zwar nicht gerade glücklich, aber doch
- gelegentlich und rückschlagsbewusst - guten Mutes. Und deshalb werden
wir Sie auch heuer wieder mit einem Tätigkeitsbericht konfrontieren, der
die Wirklichkeit "mit brutalst möglicher Offenheit" vermittelt, aber dazwischen
noch Raum für Träume bietet. Und weil wir davon träumen, dass der Stein
nicht ständig herunterkugelt, sondern auch einmal oben bleibt oder ganz
verschwindet, lohnt es sich, unseren absurden Helden Sisyphus zu verlassen
und, wie schon so oft, eine Anleihe bei Bertold Brecht zu machen, wo in
einem seiner Gedichte auch von einem Stein die Rede ist:
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"dass
das weiche Wasser in Bewegung
mit der Zeit den harten Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt."

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2. Der andere Jahresrückblick
Januar 2009
Mit einer Waffenruhe ging der Gazakrieg zu Ende, mit harscher Kritik an
der Kriegsführung der israelischen Armee (Einsatz von Phosphorbomben gegen
Zivilisten), an der Berichterstattung der israelischen Medien (Unterdrückung
von Bildern vom Leid der Gegenseite) und der Unbarmherzigkeit der Mehrheit
der israelischen Bevölkerung gegenüber den Palästinensern und ihrem Unverständnis
für die eigene Friedensbewegung. Amnesty International gehörte zu den
ersten Menschenrechtsorganisationen, die mit einem Ermittlerteam untersuchte,
ob Israel Kriegsverbrechen begangen habe, aber es ist ein Gebot der Fairness
zu berichten, dass es auch in Israel Demonstrationen gegen den Krieg gegeben
hat und dass es im Februar israelische Soldaten waren, die auf eine Befehlslage
hinwiesen, wonach die Menschenjagd mehr oder weniger von oben verordnet
und von den Rabbinern der Armee abgesegnet war.

Dass die Hamas (und die Israelis) Zivilisten als Schutzschilde missbraucht
haben sollen, dass der Beschuss israelischer Häuser zurückgegangen ist,
dass der seit drei Jahren als Geisel gehaltene Soldat Gilad Schalit der
Hamas "genauso viel wert ist wie eine Katze oder weniger" - das steht
auf drei anderen Blättern.
Kaum weniger zimperlich geht man in Russland mit unliebsamen Journalistinnen
und Anwälten um.
Der Doppelmord an Anastasia Baburowa und Stanislav Markelov ereignete
sich auf offener Straße und am helllichten Tage. Als Täter kamen zunächst
sowohl russische Nationalisten als auch tschetschenische Regierungskreise
in Frage. Im November wurden dann zwei Mitglieder einer rechtsextremistischen
Gruppe als Verdächtige verhaftet, aber wie im Falle der Journalistin Anna
Politowskaja werden auch hier die Ermittlungen schwerlich bis zu den eigentlichen
Drahtziehern vordringen.
In Washington wurde Barack Obama vereidigt, übrigens gleich zweimal, weil
sich der Richter verhaspelt hatte. Ob diese Panne der Grund war, dass
im Laufe des Jahres etwas vom Lack des Wahlkampfes abgeblättert ist? Gefreut
hat uns, dass zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte, die Schließung
von Guantánamo binnen Jahresfrist zu versprechen, geärgert hat uns, dass
er das Versprechen nicht eingehalten hat, u. a. wegen "Unterbringungsproblemen"
für die Häftlinge. Dabei hätte es doch den idealen Standort gegeben!

Hinzu kommt, dass man gegen die Rädelsführer schwerlich ordentliche Gerichtsverfahren
einleiten kann, weil ein Großteil ihrer "Geständnisse" unter Folter oder
folterähnlichen Bedingungen zustande kamen.
Gegen Jahresende stellte sich allerdings heraus, dass auch (tief)schwarze
Schafe unter den Häftlingen sind, und dass die Amerikaner bei ihrer Freilassung
ein sicheres Händchen brauchen. Bei der Planung des gescheiterten Flugzeugattentats
vor Detroit an Weihnachten 2009 sollen zwei Exknackis aus Guantánamo beteiligt
gewesen sein, die im November 2007 entlassen und in Saudi-Arabien an einer
"Kunsttherapie zur Rehabilitierung" teilgenommen hatten. Aber anstatt
Farben zu mischen, zogen sie es vor, Bomben zu basteln. Und dass fast
die Hälfte der jetzigen Insassen aus dem Jemen stammt, der sich derzeit
zum neuen Aufmarschgebiet von al-Qaida entwickelt, stimmt auch nicht fröhlich.
Im Januar 2010 hat Obama einen Abschiebestopp nach Jemen verfügt.
Ach war das eine schöne Zeit im Paradies, als Gott gut und die Schlange
böse war!
Oder wie der Bayer sagen würde: "Wia ma's macht, is verkehrt!
Februar 2009
Relativ unverdächtig, zumindest für uns Nichtchinesen, ist eine andere
Personengruppe in Guantánamo, und so wurde das parteiübergreifende Angebot
des Münchner Stadtrates, 17 Uiguren aus dem Häftlingslager aufzunehmen,
zu Recht als "Sieg der Menschlichkeit" bezeichnet. Vorausahnend hat die
Kommentatorin aber hinzugefügt, dass ihr Kommen "in den Sternen steht".
Sie sollte Recht behalten. Die Aufnahme der Uiguren wurde höheren Ortes
blockiert, vom Innenminister in Berlin und wohl auch von den übergeordneten
Dienststellen in Peking. Es verdient der Erwähnung, dass der CSU-Stadtrat
Marian Offmann die Aufnahmebereitschaft als "Fanal gegen das totalitäre
kommunistische Regime" verstanden wissen möchte. Die Uiguren tummeln sich
inzwischen auf Palau und den Bermudas.

Vom CSU-Stadtrat hätte sich Hillary Clinton bei ihrem Chinabesuch eine
Scheibe abschneiden können. Zur Freude ihrer Gastgeber stellte sie Klimaschutz
und Wirtschaftskrise in den Mittelpunkt ihrer Gespräche und wollte "diese
Felder nicht durch Menschenrechtsfragen beeinträchtigt" sehen. Die Chinesen
haben sich auf ihre Weise revanchiert. Auf der Klimakonferenz in Kopenhagen
ließen sie sich bei dem entscheidenden Hinterzimmertreffen mit Obama,
Merkel, Sarkozy, Brown und Co. durch einen zweitrangigen Beamten vertreten
und leisteten einen maßgeblichen Beitrag zum Gipfeldesaster.
In Russland probten im Prozess um die Ermordung Anna Politkowskajas die
Geschworenen den Aufstand gegen den Staatsanwalt und verhalfen so "der
Rechtsstaatlichkeit in Russland zu einem seltenen Sieg". Auf Grund der
dünnen Beweislage sprachen sie die Angeklagten frei. Damit könnte die
Jagd nach den Auftraggebern beginnen.
Auch in Hamburg fällte ein Gericht eine wichtige Entscheidung. Ein Deutschafghane
hatte seine 16-jährige Schwester umgebracht, weil sie "wie ein deutsches
Mädchen leben wollte". Das Gericht verwarf den Begriff des Ehrenmordes
und gewichtete die Tat zu Recht als "Mord aus niedrigen Beweggründen".
Aus westlicher Perspektive ist man geneigt, mit diesen Worten auch die
Ermordung zweier Gymnasiasten durch die Taliban zu beschreiben. Die Schüler
sollen Soldaten der ISAF gegrüßt und einige Worte Englisch mit ihnen gewechselt
haben. In der Diskussion um den Abzug westlicher Truppen aus Afghanistan
sollte man solche Ereignisse nicht völlig außer Acht lassen. Man wird
Afghanistan nicht von außen befrieden können, und die Behauptung, "unsere
Sicherheit würde am Hindukusch verteidigt" nimmt heute kaum noch jemand
ernst, aber was eine Machtergreifung durch die Taliban für die Frauen
und die der "Steinzeit" entwachsenen Muslime bedeuten würde, möchte man
sich lieber nicht ausmalen.
März 2009
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Im
März sorgte der Haftbefehl des Internationalen Gerichtshofes gegen
den sudanesischen Präsidenten al-Baschir für Kommentare, die von Zustimmung
bis Ablehnung reichten, aber zumeist auf ein entschiedenes "Ja, aber"
hinausliefen. Man war sich noch relativ einig, dass die Anklage wegen
Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit hinreichend
begründbar seien, aber dann kamen die Einwände, warum man diesen Tatbestand
doch besser auf kleiner Flamme halten solle. Da sei die Arbeit der
Hilfsorganisationen gefährdet, da könne die Lage in Darfur noch eskalieren,
da würde einseitig "Kolonialjustiz" gegen afrikanische Staaten betrieben,
da würden sich vergleichbare Despoten - lauter Afrikaner, denn Nordkorea
und China sind natürlich verfolgungsresistent - noch stärker einigeln
und außerdem würde es dem Gerichtshof so ergehen wie den Nürnbergern
mit dem Eppelein von Geilingen.
Im November
hat al-Bashir einen Besuch in der Türkei abgesagt, obwohl Premierminister
Erdogan zugesagt hatte, ihn nicht nach den Haag auszuliefern, u. a.
mit der Begründung, "dass Muslime keinen Völkermord begehen könnten".
Vielleicht ist der Gerichtshof doch nicht der "zahnlose Tiger", als
der er gerne dargestellt wird. |
Amnesty
hat den Haftbefehl begrüßt. Wie soll man den Herren, die über Leichen
gehen, denn sonst zu Leibe rücken? Sollen sie etwa wie Idi Amin in Saudi-Arabien
friedlich ihre Tage beschließen dürfen?
Ist Ihnen übrigens schon aufgefallen, dass Diktatoren, Tyrannen und Despoten
grundsätzlich Männer sind und dass Frauen in diesen "Berufen" nur bescheidene
Erfolge aufweisen? Umso erfolgreicher wären sie als Friedensstifterinnen.
Der UN-Generalsekretär schreibt jedenfalls: "Die Entsendung von Frauen
in Friedenstruppen oder als ziviles Personal erhöht die Sicherheit der
betroffenen Frauen in Krisengebieten ... und senkt die Fälle von sexuellem
Missbrauch." Das Wort "wären" wurde mit Absicht gewählt, denn Frauen sind
bei UN-Friedensmissionen deutlich in der Unterzahl. Soviel zum ersten
Beitrag aus Anlass des Internationalen Frauentages am 8. März.
April 2009
Der zweite Beitrag kommt wieder aus Afghanistan. Noch sind die Taliban
nicht wieder an der Macht, aber das Ehegesetz, das für die schiitische
Minderheit erlassen wurde, genauer gesagt für ihren männlichen Teil, könnte
auch von den Taliban stammen. Nach diesem Gesetz habe der Mann beispielsweise
"das Recht auf Geschlechtsverkehr mit seiner Frau - wenn er nicht auf
Reisen sei". Menschenrechtsorganisationen haben diese Bestimmung als Freibrief
für Vergewaltigung in der Ehe bezeichnet. In Kabul kam es darauf zu einer
bemerkenswerten Konfrontation vor der Moschee des Ayatollahs Mohseni,
der das Gesetz mit verfasst hatte. Hunderte von Frauen demonstrierten
gegen das Gesetz und wurden von einer Meute von Gegendemonstranten (Männer
und Frauen) als "Christensklaven" und "Hündinnen" beschimpft und mit Steinen
attackiert. Das Gesetz wurde auf westliche Proteste hin zunächst auf Eis
gelegt, scheint aber dann im August verabschiedet worden zu sein.
Aus den USA kam der 2. Aprilscherz: Präsident Obama sichert CIA-Folterern
Straffreiheit zu. Zuvor hatte er die Veröffentlichung von vier Memoranden
genehmigt, welche die brutalen Techniken beim "Verhör hochwertiger Terroristen"
bis ins Detail festlegten, darunter das simulierte Ertränken, den Zwang
zum langen Stehen, den Schlafentzug und das Zuführen "fader und unappetitlicher
aber kompletter Flüssignahrung". Damit hat er zwar sein Versprechen von
"Transparenz und Offenheit" eingelöst, ist aber vor dem entscheidenden
Schritt, nämlich die Verfasser der Memoranden im Justizministerium, die
Folterknechte und das "Begleitpersonal" aus Ärzten und Psychologen zu
bestrafen, zurückgeschreckt. Wen wundert es, wenn ein Fernsehkomiker süffisant
formuliert, Obama setze den Anti-Terrorkurs seines Vorgängers exakt fort,
"mit einem wichtigen Unterschied: Obama schafft es, dass die Kinder es
mögen".
Weitaus rätselhafter war die Meldung über einen seltsamen Gutsbesitzer
an der Landkreisgrenze. Ein Scheich aus Abu Dhabi, der sich im Oberland
häuslich niedergelassen hat, soll in seiner Heimat einen betrügerischen
Getreidehändler übel misshandelt haben. Zunächst hieß es, die Bestrafung
sei "regel- und gesetzeskonform abgelaufen" - schließlich hat auch ein
Polizist an der Prügelszene mitgewirkt. Die Staatsanwaltschaft in München
erklärte sich für nicht zuständig, da es sich "nach derzeitigen Erkenntnissen
um einen rein internen Fall der Vereinigten Arabischen Emirate" handle,
aber immerhin war auf einem Interneteintrag schon einmal von einem Einreiseverbot
die Rede, hat die Bundesregierung Aufklärung des Vorgangs eingefordert
und das Emirat inzwischen eine Untersuchung zugesagt. Ob diese Bereitschaft
mit dem Einstieg bei Daimler-Benz zusammenhängt, lässt sich nur vermuten.
Da hätte dann die Globalisierung ein gutes Werk getan.
Gegen Jahresende hat man den Prinzen in seinem Heimatland dann vor Gericht
gestellt. Da hat der Prinz aber lachen müssen! Der Richter hat ihn wegen
"verminderter Schuldfähigkeit" freigesprochen. Er sei von seinen Mittätern
mit Tabletten berauscht worden und außerdem habe ihm das Opfer vergeben.
Gerüchten zufolge hat ihm (dem Opfer) die Familie des Prinzen eine hohe
Entschädigung gezahlt. Justitia wird froh gewesen sein, dass ihr schon
von Haus aus beide Augen verbunden sind, aber immerhin war es eine "Premiere",
weil noch nie ein Mitglied des Herrscherhauses angeklagt worden ist.
Mai 2009
War zuvor von der "Verfolgungsresistenz" der Chinesen die Rede, muss man
diese Aussage zumindest einschränken, denn mit einer Mischung aus Mut
und Naivität hat der spanische Ermittlungsrichter Pedraz die Klage tibetischer
Menschenrechtsgruppen zugelassen, die chinesischen Ministern und Generälen
vorwerfen, bei der Niederschlagung des Aufstandes von 2008 Verbrechen
gegen die Menschlichkeit begangen zu haben. Unter Berufung auf ein Rechtshilfeabkommen
zwischen Spanien und China gibt Pedraz "seiner Hoffnung Ausdruck, ...
die Beschuldigten in China verhören zu können. Andernfalls sei eine Aussage
vor einem chinesischen Gericht eine denkbare Lösung. Und den Betroffenen
stünde es auch frei, vor dem Gericht in Madrid Stellung zu nehmen". Es
mag sein, dass das Geräusch, mit dem das Gesuch in Peking in den Papierkorb
wanderte, bis nach Madrid zu hören war, aber wir haben Señor Pedraz nicht
deswegen so ausführlich zitiert, um ihn der Lächerlichkeit preiszugeben,
sondern um ihm unseren Respekt zu erweisen und aufzuzeigen, wie weit unsere
Welt noch vom Prinzip der universalen Rechtsprechung entfernt ist.
Ebenfalls ins Fäustchen gelacht haben sich in diesem Monat Chinas Busenfreunde
in Myanmar/Birma, als ihnen der "Schwimmer" John William Yettaw die Nobelpreisträgerin
San Suu Kyi kurz vor Ablauf ihres fünfjährigen Hausarrestes erneut ans
Messer lieferte. Yettaw war über einen See zum Haus von Suu Kyi geschwommen
und hatte sich dort Zutritt verschafft. Wenn man seine Biographie liest,
kommt man wahrlich nicht auf die Idee, die "Lady" könnte ihn eingeladen
haben. Aber genau das warf ihr die Militärjunta vor. Yettaw wurde im August
zu sieben Jahren Zwangsarbeit verurteilt, aber drei Tage nach Urteilsverkündung
dank der Intervention eines US-Senators freigelassen. San Suu Kyi wurde
im gleichen Verfahren zu weiteren 18 Monaten Hausarrest verdonnert.
Im Januar war übrigens ein 20-jähriger Student zu 104 Jahren Haft verurteilt
worden. Zumindest solange sollten Than Shew und Konsorten einmal in der
Hölle schmoren.
In deutschen Kinos lief Anfang der Film "Das Herz von Jenin" an. In ihm
wird der Besuch des Palästinensers Ismael Khatib bei drei israelischen
Kindern geschildert, die heute mit den Organen von Khatibs Sohn Ahmed
leben. Ahmed war im November 2005 bei einer Militäraktion israelischer
Soldaten im Flüchtlingslager von Dschenin tödlich am Kopf getroffen worden
und Khatib wollte die Organe seines Sohnes an Kinder spenden, "egal ob
Juden, Araber oder Christen". Ahmed war (bisher) das letzte Kind, das
in Dschenin getötet wurde.
Juni 2009
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Vor
20 Jahren wurden am Platz des Himmlischen Friedens in Peking die Studenten
massakriert.
Die Regierung tut weiterhin alles, um jegliche öffentliche Erinnerung
zu unterbinden.
Das musste auch der damalige deutsche Außenminister erfahren, der
bei einem Besuch in Peking darauf bestand, mit Ding Zilin, die Gründerin
der Gruppe "Mütter von Tiananmen" zu sprechen.
Allerdings musste Steinmeier akzeptieren, dass das Treffen öffentlich
verschwiegen werden musste und dass Ding Zilin die deutsche Botschaft
über einen Hintereingang zu betreten hatte. |
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In
Chile wurde 36 Jahre nach seiner Ermordung die Leiche des Sängers
Victor Jara exhumiert. Er galt damals wie heute als "Stimme Chiles"
und wurde bei Pinochets Militärputsch auf bestialische Weise umgebracht.
Ein Leutnant mit dem Spitznamen El Loco/der Verrückte ließ zunächst
seine Hände zerschmettern und "spielte" dann mit ihm Russisches Roulette.
Ein Mittäter sitzt in Untersuchungshaft.
Eine gute Nachricht kam hingegen aus Nigeria, genauer gesagt aus New
York. Nach einem außergerichtlichen Vergleich vor einem Bezirksgericht
in New York erklärte sich der Ölkonzern Shell bereit, 15 Millionen
Dollar an die Hinterbliebenen des Menschenrechtsaktivisten Ken Saro-Wiwa
zu zahlen.
Saro-Wiwa hatte 1990 die Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volkes
gegründet, dessen Existenz durch die Ölförderung im Nigerdelta gefährdet
war. Die damaligen Machthaber, die sich am Ölgeschäft bereicherten,
räumten ihn 1995 aus dem Wege. Die Witwe bezichtigt Shell, die Regierung
zur Hinrichtung gedrängt oder diese zumindest nicht verhindert zu
haben. |
Die "Reue" des Konzerns fiel sehr verhalten aus. "Die Schadenersatzzahlung
sei kein Schuldeingeständnis. sie sei eine Geste an die Ogoni."
Nach diesen
Ausflügen in die Ferne und in die Vergangenheit, die Rückkehr in die deutsche
Gegenwart. "Dinah darf ins Ausland" entschied das OLG Karlsruhe und setzte
damit einen (vorläufigen) Schlusspunkt unter eine Kontroverse, die zeigte,
dass die Probleme der übrigen Welt auch bei uns gelandet sind und in der
die Kampflinien so verlaufen, dass man durchaus für beide Seiten Verständnis
haben kann. Das Jugendamt in Lörrach hatte verfügt, dass ein zehnjähriges
Mädchen mit Eltern äthiopischer Herkunft nicht zu seinen Großeltern reisen
durfte, weil die Gefahr, in Äthiopien beschnitten/verstümmelt zu werden,
zu groß sei. Das OLG Karlsruhe sah aber keine "belastbaren Hinweise" auf
eine diesbezügliche Absicht der Eltern und entschied nach einer Befragung
der Großeltern durch die Deutsche Botschaft in Addis Abeba, dass das Mädchen
reisen könne. Gebe Gott, dass sie wieder unversehrt zurückgekommen ist!
Juli 2009
In Russland wurde mit Natalja Estemirowa eine weitere Menschenrechtlerin
ermordet. "Im Grunde wiederholte sich an ihr das Schicksal Anna Politkowskajas",
denn auch sie setzte sich bis zu ihrem Ende für die Aufklärung von Menschenrechtsverstößen
an Zivilisten im angeblich befriedeten Tschetschenien ein. Selbst Präsident
Medwedjew, gerade auf Deutschlandbesuch, fand (relativ) starke Worte.
Er sei "empört" und "Estemirowa habe oft die Wahrheit gesagt". Da wird
es beim Rapport vor Putin aber etwas gegeben haben!
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Dass
auf dem Bild, vom Leichnam abgesehen, nur Männer sind, entspricht
wahrscheinlich muslimischer Tradition, aber es ist auch der Situation
angemessen. Schließlich ist sie ja auch von Männern erschossen worden.
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Der Juli war auch die Zeit der Berichte über den Gazakrieg. Ai warf in
seinem Bericht beiden Seiten Kriegsverbrechen vor, und in seltener Eintracht
wiesen Israel und die Hamas den Bericht als "unausgewogen" zurück. Und
in Israel veröffentlichte eine Menschenrechtsgruppe die Zeugenprotokolle
von 30 Soldaten, die übereinstimmend aussagten, der Krieg sei mit äußerster
Brutalität geführt worden - und das von einer Armee, die Verteidigungsminister
Barak als "eine der moralischsten Armeen der Welt" bezeichnet hat.
Der andere Barack übte sich derweilen in Peking in weiteren Demutsgesten.
"So kleinlaut klingt Amerika selten", höhnte ein Zeitungskommentar. Und
"Vorbei sind die Zeiten, da US-Politiker den Machthabern im Reich der
Mitte lange (und berechtigte) Vorträge zum Elend der Menschenrechte hielten."
Dabei hätten sie es nötiger denn je, denn die Wunschträume des Auslandes
(und der Miesbacher ai-Gruppe!), die Olympischen Spiele könnten die Lage
der Menschenrechte in China verbessern, haben sich (wie unsere Luftballone!)
in Luft aufgelöst. Die Presse zieht ein ernüchterndes Fazit: "Der große
Zirkus mit den bunten Ringen mag weiter gezogen sein und wird nun im Osten
Londons die Immobilienpreise entfesseln. Doch Chinas politische Gefangene
sitzen weiter hinter Gittern."
August 2009
Enttäuscht sind, mit einiger Verspätung, auch die westlichen Sportfunktionäre.
So hat der Ehrenpräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes gefordert,
die Spiele nur noch an Länder zu vergeben, die die Menschenrechte achten.
Wir wünschen eine erfolgreiche Suche! Erfolgreich war die "Suche" von
Ex-Präsident Bill Clinton in Nordkorea. Er durfte zwei amerikanische Journalistinnen,
die Nordkorea wegen illegaler Grenzüberschreitung festgenommen hatte und
die "als Faustpfand im Nuklearpoker mit den USA" dienten, im Gepäck nach
Hause mitnehmen. Jetzt kann Kim Jong Il mit dem fortfahren, was er besser
kann als seine Bevölkerung zu ernähren: mit dem Schaukelspiel von zündeln
und verhandeln.
Als Foto des Monats ein Bild von den Wahlen in Afghanistan. Als "Messlatte
für den Erfolg des Westens ... im Kampf gegen die Taliban sowie für Demokratie
am Hindukusch" gesetzt, haben sie die Erwartungen eher enttäuscht. Und
wie es dort weitergehen soll, ist fast so schleierhaft wie die Burkas
und Niquabs der Frauen.

Doch unsere Anteilnahme soll hier dem kleinen Mädchen gelten. In fünf
Jahren wird sie ihr freundliches Lachen auch hinter einem Schleier verbergen
müssen. Aber wahrscheinlich ist ihr das Lachen bis dahin sowieso vergangen.
Mit einem Schaukelspiel haben auch die Nachrichten aus der Türkei zu tun.
Die Entscheidung der türkischen Behörden, die Kirche in Tarsus, dem Geburtsort
des Hl. Paulus, wieder in ein Museum zu verwandeln, hat, zu Recht, die
christlichen Kirchen auf den Plan gerufen. Bei solchen Steilvorlagen in
Sachen "Verletzung der Religionsfreiheit" braucht man sich nicht zu wundern,
dass die Minarettentscheidung in der Schweiz auch die Zustimmung seriöserer
Kreise findet. Nun gehört das "Wie Du mir, so ich Dir" nicht gerade zu
den Grundprinzipien christlicher Ethik, aber ein "Kuhhandel" wie "drei
Minaretts gegen eine christliche Kirche" sollte vielleicht zumindest einmal
angedacht werden.
Erfreulich war hingegen, dass sich Premierminister Erdogan mit deutlichen
(und noch nie gehörten) Worten für eine Versöhnung mit den Kurden ausgesprochen
hat. Er stellte die (rhetorische) Frage: "Wo stünde die Türkei heute,
hätte sie nicht 25 Jahre verschwendet mit Konflikt, ungelösten Morden
und zwangsgeräumten Dörfern?" und kam zu folgendem Resümee: "Keiner hat
gewonnen. Alle haben verloren." Zweifellos ist Bewegung in die Kurdenfrage
gekommen, nur ist leider noch keine klare Richtung auszumachen: PKK-Chef
Öcalan, bisher in Einzelhaft gehalten, erhält Gesellschaft von inhaftierten
Parteigenossen und darf sogar einen eigenen Friedensplan vorlegen, aber
gegen Jahresende wird wieder einmal die kurdische Partei verboten. Was
für die einen ein "historischer Durchbruch" ist, wird für die anderen
noch lange "Landesverrat" bleiben.
September 2009
In Frankfurt fand das Vorspiel zur Buchmesse statt - mit dem Gastland
China. Das konnte nicht gut gehen! Was tun? Die Mitwirkenden agierten
jeder auf seine Weise und manchmal auch widersprüchlich - ausladen und
einladen, angreifen und zurückgeben, brüskieren und umarmen. "Ausgeladen"
von den Veranstaltern wurden (zunächst) die kritischen Autoren Dai Quing
und Bei Ling; "eingeladen" wurden sie dann vom deutschen PEN-Zentrum.
Der "Angriff" erfolgte dann von Angela Merkel, die "der chinesischen Delegation
einen Haufen Stacheldraht, eingewickelt in Seidenpapier" reichte, indem
sie an die Bücherverbrennungen in Diktaturen erinnerte; die Chinesen "konterten",
indem sie zum einen das Symposium verließen, als die beiden Dissidenten
das Wort ergriffen, und zum anderen, indem sie das Gemeinwohl über die
Menschenrechte stellten. (Zitat des ehemaligen chinesischen Botschafters:
"Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral".) Das "Brüskieren" und
"Umarmen" erfolgte dann durch ein und dieselbe Person, die Frankfurter
Oberbürgermeisterin Petra Roth. Bei ihrer Begrüßungsrede zum Symposium
hatte sie die Chinesen verärgert, weil sie sie nicht willkommen geheißen
hatte, einige Wochen später aber verstieg sie sich zu der Bemerkung, "dass
wir es sind, die sich öffnen müssen". Ein Journalist kommentierte diesen
Ausrutscher wie folgt: "Dass sich danach nicht die Erde öffnete, ist der
letztgültige Beweis dafür, dass es keinen gerechten Gott gibt." Selbst
wenn man dieses Gottesbild nicht zur Gänze teilt, ist der Kommentar doch
glänzend formuliert.
Wesentlich mehr Zivilcourage als die Frankfurter zeigte Dominik Brunner
auf dem S-Bahnhof München Solln. Er kam zu Tode, als er vier Kindern zu
Hilfe kam, die von zwei Schlägern bedroht wurden. Noch immer läuft es
einem kalt den Buckel hinunter, wenn man an der Stelle vorbeifährt, wo
langsam die Blumen verwelken und man sich die Frage stellt, wie man sich
selber verhalten hätte.
Der FC Bayern, sein jetziger Präsident und 69 000 Zuschauer, haben Dominik
Brunner in einer Schweigeminute gedacht.

Und für einen Moment gerät man ins Träumen. Was wäre passiert, wenn diese
69 000 Zuschauer (oder wenigstens die Insassen eines S-Bahn Wagons) auf
Seiten Dominik Brunners in den Streit eingegriffen hätten?
Oktober 2009
In Frankfurt war immer noch Buchmesse, und weil wir heuer auf die Chinesen
eine besondere Wut haben, soll noch einmal auf sie eingegangen werden,
und zwar mit zwei Gedichten, die Zeugnis ablegen von den zwei Chinas,
die sich, das eine ohnmächtig, das andere übermächtig, auf der Buchmesse
vorstellten.
Zunächst das Gedicht des "parteitreuen Tintenklecksers" Wang Zhaoshan,
der sich einen Platz in der offiziellen Delegation ergattert hatte. Ein
Opfer des Erdbebens von Sichuan, unter den Trümmern begraben, "sondert",
schon tot aber tief gerührt, "noch Lyrik ab".
Naturkatastrophen
sind unvermeidlich
Wie könnte ich da über meinen Tod klagen ...
Die Partei bemuttert, das Vaterland liebt mich
Ihre Rufe, Ton um Ton, dringen zu mir durch den Schutt
1,3 Milliarden Menschen weinen gemeinsam
Obschon nur noch ein Geist
So bin ich doch glücklich ...
Die große Liebe der Nation erfahren habend
Bin ich selbst als Toter voller Zufriedenheit
Hätte ich doch nur einen Fernsehbildschirm vor meinem Grab
Um die Olympiade anzusehen und mit in den Jubel einzustimmen
Im zweiten Gedicht meldet sich Liao Yiwu zu Wort, dem die Ausreise verweigert
worden war, obwohl sein Werk auf der Buchmesse vorgestellt wurde und er
eine Einladung aus Deutschland hatte. Sein Gedicht "Massaker" soll für
das andere China stehen:
Die
Chinesen haben ihr Zuhause verloren!
Jeder weiß, sie sind heimatlos geworden!
Zuhause ist ein zarter Wunsch, lass uns in diesem Wunsch sterben!
Lass uns sterben in den imaginären Wünschen
Der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit!
Verwandeln wir uns selbst in solche Wünsche,
Stehen wir am Horizont und verführen mehr lebendige Menschen,
Dafür zu sterben!
Und
so sieht der Karikaturist das Rollenspiel auf der Buchmesse:

Im März war schon einmal vom Eppelein von Geilingen die Rede, aber im
Oktober steht ein Eppelein vor Gericht in Den Haag: der frühere bosnische
Serbenführer Radovan Karadzic, dem man u.a. das Massaker von Srebrenica
vorwirft.

Da schlagen wir uns in Deutschland gerichtlich schon mit ganz anderen
Problemen herum. In Radolfzell wurde das "Maultaschenurteil" verkündet,
das die Kündigung einer Altenpflegerin als rechtens erklärte. Wir werden
uns hüten, in die Niederungen der Kontroverse über Bagatelldelikte hinab
zu steigen, aber die Rechtfertigung der Kündigung durch den Klägeranwalt
können wir uns nicht verkneifen, selbst wenn wir hier auf der Populismusschiene
fahren. Sie sollen bei der Lektüre dieses Berichtes ja auch was zu lachen
haben. Der Fall der Pflegerin, so der Anwalt, sei nicht mit dem eines
Managers zu vergleichen, der sich mit dem ihm zur Verfügung stehenden
Kapital vertue. "Er hat nicht in die Eigentumsrechte seines Arbeitgebers
eingegriffen." Jetzt glauben wir ist es höchste Zeit, zum nächsten Monat
überzugehen.
November 2009
 |
Bei
uns in Deutschland (und natürlich in Miesbach) wurde der Fall der
Mauer gefeiert.
Wer vor 1989 öfters auf DDR-Besuch war und sich an die Tränen beim
Abschied erinnerte, wird die Wiedervereinigung uneingeschränkt begrüßen.
Dass sich die "blühenden Landschaften" nicht wie bestellt entwickelt
haben, und die Jubelschreie bisweilen im Katzenjammer ausgeklungen
sind, ist zu bedauern, aber gemeinsam "Sorge und Nöte" auszuhalten,
ist auch ein Zeichen von Gemeinsamkeit.
Dem folgenden (Stammtisch)Witz möchten wir eine Vorbemerkung vorausschicken,
nicht dass man uns der "Fremdenfeindlichkeit" bezichtigt. Wir freuen
uns von Herzen, dass die Mauer gefallen ist und dass an der Bäckeralm
und am Aachenpass die Grenzanlagen verrotten. |
Den Witz erzählen wir trotzdem, weil er böse und gut zugleich ist.
Ein Bayer hat bei einer Fee drei Wünsche frei. Als erstes wünscht er sich
die Österreicher hinter die Alpen zurück, als zweites möchte er, dass
die Ossis wieder hinter einer Mauer verschwinden. Nach dem dritten Wunsch
gefragt, wünscht er sich eine Leberkässemmel. Wer den Witz heute im Lichte
des Bankenskandals um die Bayrische Landesbank und die Alpe Adria erzählt,
wird sich als Bayer mit einer Leberkässemmel nicht mehr zufrieden geben,
sondern sich für die beteiligten Banker und Politiker ein Exil wünschen,
das höher ist als die Alpen und noch besser bewacht als die Mauer.
Noch weniger zu wünschen ist ihnen allerdings, dass sie einem Polizisten
aus Arkansas/USA in die Hände fallen, denn dort behandelt man schon bockige
Zehnjährige, die sich dagegen wehren zu duschen, nach Einwilligung der
Mutter mit Elektroschockpistolen. Nach Einschätzung von Amnesty International
spielen in den USA diese Taser seit Juni 2001 bei mehr als 350 Todesfällen
eine Rolle.
Nur wenig besser (aber dafür angemessen) aufgehoben wären sie in Pennsylvania/USA.
Dort wurden Mutter und Tochter an den Pranger gestellt, weil sie zwei
Geschenkgutscheine gestohlen hatten. Die beiden "Großkriminellen" standen
vier Stunden vor einem Gerichtsgebäude mit einem Schild um den Hals: "Ich
habe ein neunjähriges Mädchen an dessen Geburtstag bestohlen. Stehle nicht,
sonst könnte Dir das hier passieren." Die Staatsanwaltschaft hatte diese
Strafe vorgeschlagen und im Gegenzug auf eine Haftstrafe (!) verzichtet.
Dezember 2009
Im Dezember gab es keine Nachrichten, bei denen man ohne Ironie "Fröhliche
Weihnachten" sagen konnte. In China wurde, zum ersten Mal seit 50 Jahren,
wieder ein Ausländer hingerichtet, einen Briten, den man als Drogenkurier
erwischt hatte. Dass er wahrscheinlich psychisch krank war, hat nicht
weiter gestört. Und weil man schon gerade beim "Aufräumen" war, wurde
der Bürgerrechtler und Mitverfasser der "Charta 08" Liu Xiaobo wegen "Agitation
zum Umsturz der Regierung" zu 11 Jahren Haft verurteilt. Noch nie wurde
wegen dieses "Delikts" eine Haftstrafe in dieser Höhe ausgesprochen, aber
der Einschüchterungseffekt dieses Urteils hielt sich in Grenzen. Vor dem
Gerichtsgebäude demonstrierten nicht nur ausländische Diplomaten und Journalisten,
sondern auch Chinesen, die damit ihrerseits eine Festnahme riskierten,
der Künstler Ai Weiwei bezeichnet das Urteil als "Ohrfeige", und mehrere
hundert Intellektuelle forderten die Regierung öffentlich auf, sie nun
ebenfalls wegen der "Charta 08" anzuklagen.

Wie war das gleich mit dem zweiten Wunsch an die gute Fee? Da wüssten
wir doch einen besseren Kandidaten, den man hinter eine Mauer stecken
möchte - die Liu Xiaobos natürlich ausgenommen! Und die Mauer wäre auch
noch da!
Wir gestehen ein, dass dieser Teil des Jahresberichtes eine gewisse Schlagseite
hat und nach dem Motto "Schlägst du die Chinesen, verhaue ich die Amerikaner"
strukturiert ist. Aber Obamas Rede bei der Entgegennahme des Friedensnobelpreises
kann man einfach nicht übergehen. Er mag ja mit der Ist-Zustandsbeschreibung
Recht haben, dass der Krieg seit Anbeginn zur Menschheit gehört und es
nur eine Evolution zum "gerechten Krieg" und nicht zum Frieden gibt, aber
bei einem solchen Anlass hätte uns ein wenig Sozialutopie schon gut getan.
Aber wie hieß es doch gleich in der Dezembersendung von "Neues aus der
Anstalt"? "Wenn jemand, der das Dynamit erfunden hat (Alfred Nobel), einen
Friedenspreis stiftet, dann ist es nur angebracht, ihn an jemanden zu
verleihen, der das "Dynamit" noch von Zeit zu Zeit anwendet".

Da diese Zeilen am 6. Januar geschrieben wurden, und die Hl. Drei Könige
wahrscheinlich Magier aus Persien waren, ist es angebracht, diesen anderen
Jahresrückblick mit einer Nachricht aus dem Iran zu beenden. Außerdem
passt sie noch am besten in die Rubrik "Fröhliche Weihnachten", was zunächst
einmal verblüffen mag, da sie mit den blutigen Unruhen zusammenhängt,
die das Land im Dezember erschütterten. Die Friedensnobelpreisträgerin
Shirin Ebadi hatte einen offenen Brief unter dem Titel "Für die Männer,
die sich nicht schämen eine Frau zu sein" veröffentlicht. Sie spielte
damit auf die Verhaftung des Studentenführers Majjid Tawakoli an, der
in Frauenkleidern (Tschador) flüchten wollte, was von den staatlichen
Medien genüsslich kommentiert wurde. Tawakolis Mitstudenten veröffentlichten
darauf im Internet Fotos von sich selbst mit Tschador oder Kopftuch und
ließen so den Versuch, Tawakoli durch Gelächter zu erledigen, ins Leere
laufen. Im Januar 2010 wurde er in einem Schnellverfahren zu achteinhalb
Jahren Gefängnis verurteilt.
Als Fluchthelfer mag der Tschador ja seine Berechtigung haben, für die
iranische Frauenbewegung ist der Zwang zur (schwarzen) Nonnenkutte aber
ein rotes Tuch. So gehört für die Autorin Asal Akhavan zum Minimalkonsens
reformorientierter Frauengruppen "die Abschaffung der Todesstrafe und
des Schleierzwangs".
3. Das ai-Jahr im Landkreis Miesbach
Auch wenn die Bezeichnung ai-Miesbach leichter von der Zunge geht, war
es ein weiser Beschluss, uns in "ai-Gruppe im Landkreis Miesbach" umzutaufen.
Zum einen haben wir Mitglieder in sechs Gemeinden des Landkreises, zum
anderen haben wir uns auch heuer bemüht, Miesbachs schützende (wenn auch
nicht vorhandene) Stadtmauern zu verlassen und andernorts Präsenz zu zeigen.
Und dabei ist es hilfreich, wenn den Passanten, den Gottesdienstbesuchern
oder dem Publikum vertraute Gesichter entgegenschauen. Es ist jedenfalls
eher die Ausnahme, wenn eine ältere Dame voller Eifer berichtet: "Da habe
ich das Schild "Amnesty International" gesehen; und natürlich bin ich
gleich hingegangen!"
Kunstausstellung in der Stadtbücherei Miesbach: "Was der Mensch verletzt,
kann er auch wieder heilen."
(Dezember 2008 - Januar 2009)
Beim Bericht über die Eröffnungsveranstaltung am 10. Dezember haben wir
noch recht euphorisch getönt: "Und deshalb fügen wir der Menschenrechtserklärung
eigenmächtig den Artikel 31 hinzu - 'Jedermann hat die Pflicht, mit einer
solchen Veranstaltung mehr als zufrieden zu sein." Und da uns auch Kenner
bescheinigten, wir hätten eine hochwertige Ausstellung zusammengebracht,
waren wir zuversichtlich, wir würden Verkaufserlöse erzielen wie bei Sotheby's.
Aber als wir die Ausstellung wieder abhingen, machten wir lange Gesichter,
so wie der Sisyphus eben - nur nicht so glücklich wie der bei Camus. Dass
sich Kunst nicht in klingende Münze umsetzen ließ, mindert jedoch nicht
unsere Dankbarkeit. Wir bedanken uns noch einmal bei den Künstlerinnen
und Künstlern fürs Mitmachen und bei der Stadt und den Damen von der Bücherei
für die Gastfreundschaft.
Postkartenaktion: "Jeder Mensch hat das Recht, sich zu beschweren"
(Januar)
Angesichts der Nullsumme, mit der wir unsere Kunstausstellung bilanzieren
mussten, kam uns diese Postkarte gerade Recht. Leider stellte sich bei
näherem Hinsehen heraus, dass es sich um eine Forderung an Angela Merkel
handelte. Deutschland solle das Zusatzprotokoll zum UN-Sozialpakt ratifizieren,
das ein Beschwerderecht in WSK-Angelegenheiten (wirtschaftliche, soziale,
kulturelle Menschenrechte) ermöglichen soll. Für die Mehrheit in der Gruppe
sind solche Aktionen eher "Nebenkriegsschauplätze" der ai-Arbeit, aber
(bisher) trotten wir noch brav mit - wie die "Kälber" in dem berühmten
Lied von Brecht.
Ökumenischer Gottesdienst (21. Januar)
Wir lassen ca. 90 Postkarten verteilen, auf denen die Freilassung von
vier ausgewählten Guantánamo Häftlingen und die Schließung des Lagers
gefordert wird. Noch selten hat ein Appell eine so prompte Reaktion erfahren,
denn Präsident Obama hat als 1. Amtshandlung verfügt, das Lager binnen
Jahresfrist aufzuheben.
Aktionstag im Fools Theater Holzkirchen (25. Januar)
In Zusammenarbeit mit den Frauen in Schwarz, deren Vorsitzende Christa
Ortmann in erster Linie für die Vorbereitung und Durchführung des Aktionstages
verantwortlich war, hatten wir ein umfangreiches Programm mit Film, Musik,
Vorträgen und Theater zusammengestellt, das die (geduldigsten) Zuhörerinnen
und Zuhörer fünf Stunden lang beschäftigen sollte. Der Film "Der große
Ausverkauf" handelte von den "Segnungen" der Privatisierung öffentlicher
Einrichtungen, deren Auswirkung auf die sozialen Rechte der Betroffenen
und den trickreichen Formen des Widerstands. Das Trio Trademix mit seiner
breiten Palette an Volks- und Klezmermusik ging leider etwas unter, was
aber nicht an der Qualität der Musiker, sondern am Gesprächsbedarf des
Publikums lag.
Anschließend referierten drei ai-Mitglieder über die Allgemeine Erklärung
der Menschenrechte (AEDM), den ai-Bericht über die Menschenrechte in Deutschland
und die Aktionsform "Briefe gegen das Vergessen".
Dann kam das Theater, von der Ankündigung her ein "clowneskes Lehrstück"
über die Artikel der AEDM, verfasst von Urs Fiechtner und aufgeführt vom
Ulmer Theater in der Westentasche. Obwohl Fiechtner zu den Hausautoren
von ai gehört, und das Theater ansonsten einen guten Ruf hat, waren das
Stück und die Aufführung grottenschlecht, und es war bezeichnend, dass
sich der Autor mit seinem Schäferhund am Hintereingang aufhielt, wo ihm
niemand den Fluchtweg verstellen konnte. Wir hätten uns das Stück unbedingt
vorher anschauen müssen - oder es selber schreiben sollen.
So gilt unser Dank zunächst einmal unserem (immerhin 60-köpfigen) Publikum,
das dem ersten Teil der Veranstaltung mit großem Wohlwollen und Interesse
folgte und uns nach dem Theater nicht der Verletzung seiner kulturellen
Menschenrechte bezichtigte. Danken möchten wir auch dem Fools Theater
für seine Unterstützung und Risikobereitschaft, und nicht zuletzt Frau
Ortmann für die exzellente Vorbereitung und reibungslose Durchführung
dieses Aktionstages.
Tätigkeitsbericht 2008
Von Jahr zu Jahr verstärkt sich der Eindruck, dass unser Tätigkeitsbericht
nicht nur wohlwollend in Empfang genommen, sondern immer öfter auch gelesen
wird. Wir haben jedenfalls ermutigende Rückmeldungen erhalten. Da wünschte
uns jemand, "den Humor und den Glauben an die Menschheit nicht zu verlieren",
da sprach jemand mit Anerkennung davon, dass wir "fester Bestandteil des
gesellschaftlichen Lebens in Miesbach" seien, da veröffentlichte der Merkur
einen langen Artikel zum Jahresbericht, wo wir mit unseren Aktivitäten
(noch) besser wegkamen, als wir sie selbst in Erinnerung hatten. Und besonders
gefreut hat uns, dass dazu noch einmal das Foto von Herrn Leder von unserer
"Gegenolympiade" am 8. August abgedruckt wurde, das "den Eindruck vermittelte,
auf dem Marktplatz in Miesbach hätten sich mehr Leute eingefunden als
im Vogelnest in Peking".
Schaukasten zum Frauentag (8. März)
Der Schaukasten am Rathaus, den uns die Stadt Miesbach großherzig zur
Verfügung stellt, obwohl es noch 149 andere Vereine gibt, ist an diesem
Tag besonders leicht zu gestalten. Man braucht nämlich nur ein Jahr lang
Nachrichten zu sammeln, wo Frauen etwas auf die Beine gestellt haben und
wo man ihnen ein solches gestellt hat. Man wird leicht fündig. Wussten
sie beispielsweise schon, dass im Jemen ein achtjähriges Mädchen, das
von ihrem Vater an einen 30-jährigen Mann zwangsverheiratet worden war,
vor einem Gericht in Sanaa gegen Zahlung einer Entschädigung an die Familie
ihres Ehemannes ihre Scheidung erstritten hat? Nujud sprach von den "schlimmen
Dingen", die ihr Mann ihr angetan habe. "Immer, wenn ich im Garten spielen
wollte, hat er mich geschlagen und gesagt, ich solle mit ihm ins Schlafzimmer
kommen."?
Besuch in der Krankenpflegeschule in Agatharied (18. März)
"Wie gehabt" haben wir uns notiert, aber das war nicht ganz richtig. Wir
trafen zwar wiederum auf ein wohlwollendes Publikum und wiederholten Programmteile
aus den (vier) Vorjahren, aber mit den Vergleichen zwischen Menschenrechten
und Pflegealltag, die unser Ex-Krankenpfleger mit Fantasie, Sensibilität
und Humor zusammengestellt hatte, kamen wir so nahe an die Zielgruppe
heran, wie nie zuvor. Da wurde dann deutlich, dass nicht nur im Iran oder
Burkina Faso sondern auch im deutschen Gesundheitswesen Fälle auftreten
können, wo das Recht auf Gleichbehandlung, freie Meinungsäußerung und
Privatheit verletzt wird und dass im Pflegeberuf bisweilen eine Gratwanderung
zwischen Selbstschutz und Fremdverletzung anzutreten ist.
Wir haben natürlich auch über die ai-Arbeit und die gravierenden Menschenrechtsverletzungen
gesprochen, die in Pflegeberufen vorkommen. (Der Bericht über die Mitwirkung
von Ärzten bei den CIA-Folterungen war leider noch nicht veröffentlicht!)
Der Film über die Säureattentate in Bangladesch und die Behandlung der
Opfer erhielt traurige (aber makabre) Aktualität, weil im November 2008
ein Gericht im Iran ein denkwürdiges Urteil gefällt hatte. Einer Frau,
die ihr Augenlicht durch einen Säureangriff verloren hatte, wurde das
Recht zugesprochen, Selbstjustiz zu üben und dem Täter ihrerseits (oder
durch ihre Mutter) die Augen zu verätzen. Dass auch diese Tat zu verabscheuen
ist, steht außer Frage, aber es ist doch bemerkenswert, dass Frauen sich
zu wehren beginnen und zwar unter Berufung auf die strengsten Formen islamischen
Rechtes - und vor Gericht damit durchkommen.
Als "Hausaufgabe" haben wir dann Postkarten verteilt: Eine Karte ging
nach Japan, wo Hakamada Iwao seit 40 Jahren in der Todeszelle sitzt (und
dabei geisteskrank geworden ist), eine andere Karte nach Burundi, wo wir
nachfragten, was aus den versprochenen Maßnahmen zur Bekämpfung sexueller
Gewalt geworden ist.
Postkartenaktion zum 1. Mai
Wir hatten uns in den letzten Jahren nicht mehr auf den Maikundgebungen
der Gewerkschaften eingefunden, aber da wir derzeit den iranischen Gewerkschaftler
Mansour Ossanlu betreuen, wussten wir, wo am 1. und 3. Mai unser Platz
war. Man hat auf unsere Selbsteinladung sehr freundlich reagiert und wir
sind immerhin an die 80 Postkarten losgeworden. In Holzkirchen konnten
wir den Fall vorstellen, in Schliersee hat ihn MdB Barthel sehr geschickt
mit dem Internationalismus der Gewerkschaftsbewegung in Einklang gebracht.
Als er davon sprach, dass "diese (ai)Aktion in der besten Tradition der
Gewerkschaftsbewegung stehe", gab es Szenenapplaus. Und Ortskartellchef
Höltschl ließ es sich nicht nehmen, die Postkarten persönlich zu verteilen.
Wir wären noch mehr Karten losgeworden, wenn sie nicht der Wind/die Kellnerin/der
iranische Geheimdienst von unserem Infostand gefegt hätten.
Eine amüsante Szene am Rande: Als eine Teilnehmerin an der Veranstaltung
vernahm, dass Ossanlu in Haft sei, antwortete sie aus dem Bauch heraus:
"Der wird's scho braucha!" Aber nachdem sie kurz überlegt hatte, hat sie
sich postwendend entschuldigt. Da merkte man dann, bei welchen Leuten
man zu Gast war.
Ebenso freundlich war die Aufnahme beim Mai-Empfang des SPD-Kreisverbandes.
Unser Infostand war geradezu "umlagert", und MdL. Ritter bedankte sich
für unser Engagement. Dass am Ende ein paar Karten am Boden lagen, trübte
unsere Stimmung nur unwesentlich. Wir bedanken uns herzlich bei allen,
die uns eingeladen und unser Anliegen in ihren Reden aufgegriffen haben
und bei allen, die die Postkarte auch wirklich abschickten.
Dass wir bei diesen Veranstaltungen eine solche Resonanz gefunden haben,
mag auch etwas mit einem Zeitungsartikel zu tun haben, der einige Tage
zuvor erschienen war. Er setzte sich realistisch mit den Erfolgen und
Grenzen der ai-Arbeit auseinander und ging ausführlich auf unsere Iran-Fälle
ein. Und außerdem druckte er ein schönes Gruppenfoto ab, das wir ihnen
guten Gewissens nicht vorenthalten können.

Gastspiel Claus von Wagner (14. Juni)
Mit
dem Aktionstag in Holzkirchen zweifellos das Glanzlicht des ai-Jahres,
auch wenn das Kabarett vom Titel her nur drei Sekunden dauerte.
Aber es waren lange, geistreiche und amüsante drei Sekunden, mit Spitzen
gegen Politiker, Banker, Konsumenten und Patchworkfamilien, dargeboten
von einem Kabarettisten, den Altmeister Dieter Hildebrandt als "einen
unserer hervorragenden Nachwuchskabarettisten" bezeichnet hat. Und
abgespielt hat sich das "Feuerwerk der Pointen" in einem Gerümpelspeicher,
dessen Requisiten aus dem Fundus des Gymnasiums stammten, dem Ort,
an dem Claus von Wagner 1997 das Abitur ablegte.
Es war eine Veranstaltung, die auch den antiken Sisyphus (vorübergehend)
glücklich gemacht hätte. Es kamen etwa 160 Zuschauer, die voll auf
ihre Kosten kamen - vorausgesetzt, sie saßen in den vorderen Reihen,
die Zusammenarbeit mit dem Gymnasium (Leitung, Hausmeister), der Agentur
und der Vorverkaufsstelle (Buch am Markt) war ein Vergnügen, und dem
Künstler mussten wir das (reduzierte) Honorar geradezu "aufdrängen",
da er spontan angeboten hatte, umsonst aufzutreten.
Wir bedanken uns von Herzen. |
|
Balsam für unsere ai-Seelen war es, als er unter Szenenapplaus und mit
einiger Selbstironie anmerkte: "ai ist eine Organisation, die etwas tut,
während Kabarettisten nur reden." Dem Schlussteil seiner Anmerkung ist
natürlich entschieden zu widersprechen. Er hat viel getan für uns! Und
wir würden uns freuen und er hat offensichtlich nichts dagegen, wenn wir
ihn in ein paar Jahren wieder mit einem "Willkommen daheim!" begrüßen
könnten.
Kaffeegespräch mit MdB Max Stadler (22. Juni)
Dass Miesbach nicht nur als Sprungbrett für die Karriere von Kabarettisten,
sondern auch für die von Politikern dienen kann, zeigt sich an der jetzigen
Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und am jetzigen
Staatssekretär im Innenministerium Max Stadler. Beide haben uns zu Kaffeehausgesprächen
eingeladen, aber ob sie uns ihren Aufstieg verdanken, lassen wir einmal
in aller Bescheidenheit offen. Auf das Gespräch mit Herrn Stadler hatten
wir uns gründlich vorbereitet und auch einige kontroverse Themen eingebaut:
Bayrisches Versammlungsgesetz, Fall Kurnaz, Waffenrecht, Internetsperre,
Flüchtlingsproblematik. Das Gespräch verlief offen und freundlich, und
das nicht nur weil sich Herr Stadler als ai-Mitglied in Passau outete
und sich bereit erklärte, im Fall Ossanlu einen Brief abzusenden. In Verlegenheit
brachte er uns lediglich, als er uns (und sich selber) die Frage stellte,
ob man Material verwenden dürfe, das der pakistanische Geheimdienst mit
den einschlägigen Methoden produziert hatte, beispielsweise das Geständnis
eines Terroristen, dass bei uns eine Bombe hochgehen würde. Sie möchten
wissen, wie die Antworten ausfielen? Er argumentierte als Jurist und Realpolitiker
und meinte: "Ja, aber nicht als Beweismittel vor Gericht." Das kann man
auch als ai'ler akzeptieren, aber wir erlaubten uns hinzuzufügen, dass
man das Problem auch "beim Kopf anpacken", sprich für eine "Humanisierung"
der Verhörmethoden eintreten müsse. Er war einverstanden, und es bleibt
nur zu hoffen, dass er als Regierungspolitiker seine liberalen Ansichten
beibehalten kann.

Wir möchten übrigens den Eindruck vermeiden, dass wir auf Grund der diesjährigen
Gastgeberliste auf zwei Parteien fixiert sind. Wenn man uns einlädt oder
einlässt, kommen wir auch zu (fast allen) anderen Parteien.
Interview durch die Firmlinge (27. Juni)
Wie lokalprominent wir sind, zeigte sich, als wir mit anderen Größen der
Pfarrei von den Firmgruppen (bzw. deren Leiterinnen und Leitern) zum Interview
geladen wurden. Dabei kamen wir bei Fragen wie "Machen Sie auch Caritasarbeit,
speziell für Kinder, Jugendliche und Familien?" ganz schön ins Trudeln.
Wir konnten zwar vor Ort auf Nachhilfe für die Kinder von Asylbewerbern
und Aussiedlern verweisen, aber ansonsten gehören unsere Aktivitäten eher
in die Bereiche Bewusstseinsbildung und Fernstenliebe. Da hatten wir allerdings
einiges zu bieten: Schulbesuche, Infoabende über Kindersoldaten und Kinderarbeit
und die entsprechende Ausstellung "Dafür bist Du alt genug" bei den Jugendkulturtagen.
Die letzte Frage "Haben Sie Wünsche an uns Firmlinge?" war leicht zu beantworten.
Wir wünschten uns, dass sie sich (vielleicht auch durch Einwirkung des
Hl Geistes) zu einem Gegenmodell zu den drei Affen entwickeln sollten:
"Augen auf, Ohren auf, Mund auf" - wenn irgendwo Unrecht geschieht.
Und natürlich hoffen wir, dass irgendwann wieder Jugendliche und junge
Erwachsene bei uns "kleben" bleiben oder ihrerseits etwas auf die Beine
stellen.
Infostand / Sisyphusland (4. Juli)
Während der erste Termin dem Regen zum Opfer fiel, ertrank der zweite
Termin eher im Konsumrausch. Wir hatten Briefe zugunsten unserer beiden
Betreuungsfälle Ossanlu und Bihamba vorbereitet und Postkarten und Unterschriftslisten
gegen Folter in Russland (Polizeigewahrsam, Hafteinrichtungen) ausgelegt.
Von den Briefen wurden wir ganze sieben los, und die Unterschriften waren
nicht zu zählen - so wenig waren es. Nur an Erfahrungen wurden wir umso
reicher:
1. Wir brauchen einen starken optischen Anreiz. Unsere schwarzen Sperrholzfiguren,
(die uns schon seit Jahren begleiten), wurden ignoriert, und eine Standbetreuerin
merkte selbstironisch an: "Wir Frauen waren leider nicht attraktiv genug".
Ein(e) Mister/Miss Amnesty muss her - Herrn Barthel oder Frau Aigner fragen!
2. Wir müssen unseren Standort verändern. Der Bräuwirt mit seinen massiven
Biertischen und das Café Huatfabrik rückten uns so nahe auf den Leib,
dass wir fast schon selber zu einem ai-Fall geworden wären. Gegen Mittag
war unser Infotisch das einzige Möbelstück, auf dem kein Weißbierglas
oder Kaffeetasse stand.
3. Wir müssen den veränderten Einkaufsgewohnheiten Rechnung tragen. Unsere
Standzeiten stammen noch aus der Vergangenheit - als die Geschäfte mittags
schlossen, die Straßenrestauration noch weitgehend unbekannt war und am
Marktplatz ab 12.00 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt wurden.
Nicht fehlen in diesem sarkastischen Jammerkatalog soll allerdings der
Kommentar einer anderen Standbetreuerin: "Aber es gab auch Positives,
denn die wenigen, die einen Brief mitgenommen haben, standen hundertprozentig
zur Sache. Eine Dame war sogar an unserer Gruppe interessiert." Und nächstes
Mal, wenn die Prominenz nicht mitmachen sollte, kommen unsere neuen Stellwände
zum Einsatz, die ein Mitglied als Ebay-Schnäppchen erworben hat.
Und weil wir jetzt schon wieder besser drauf sind, noch eine Karikatur,
die zeigt, wofür sich bei uns die Massen engagieren.

Infoabend Afghanistan (Oktober)
Sie haben davon nichts mitgekriegt? Wir auch nicht. Wir hatten mit (Ex-)
MdB Niels Annen zwar einen hochkarätigen Referenten gefunden, aber im
letzten Augenblick gab es seiner- und unsererseits Terminkollisionen,
und wir mussten die Sache abblasen. Da das Thema aktueller denn je ist,
gehen wir es vielleicht im Neuen Jahr an - auf einer Podiumsdiskussion
mit Bischöfin Margot Käßmann, Theodor zu Guttenberg, Hamid Karsai und
Mullah Omar von den Taliban. Na ja, wird wohl auch nichts werden - schon
weil der Herr Omar nie mit einer Frau diskutieren würde!
Gottesdienst in Bad Wiessee (25. Oktober)
Es dürfte schon 20 Jahre her sein, dass wir als ai-Gruppe Tegernseer Tal
auftraten, und deshalb hat es uns besonders gefreut, dass wir durch Vermittlung
eines Gruppenmitglieds, die auch im Pfarrgemeinderat in Bad Wiessee sitzt,
von der Pfarrei Sankt Anton eingeladen wurden, einen Sonntagsgottesdienst
mitzugestalten. Wir kamen sehr ausführlich zu Wort, konnten die Organisation
vorstellen, auf Justine Bihamba (DR Kongo) hinweisen und die Fürbitten
formulieren. Eine davon bezog sich auf "Menschen, die sich für die Rechte
anderer einsetzen in Ländern, in denen dieser Einsatz Leib und Leben kosten
kann". Für solche Menschen stand unser 2. Fall, der katholische Priester
Tomislav Matanovic, der 1995 während des Bosnienkonflikts mit seinen Eltern
verschleppt wurde. Ihre gefesselten Leichen wurden 2001 in einem Brunnenschacht
gefunden. Es besteht der Verdacht, dass Polizisten oder Armeeangehörige
die Täter sind.
Nach dem Gottesdienst kam es an unserem Infostand geradezu zum "Stau".
Obwohl man das Gefühl hatte, dass einzelne Gemeindemitglieder zunächst
etwas verunsichert darüber waren, dass unser Auftritt der (abgeänderten)
Grundregel der Benediktiner vom "Bete und handle" folgte, erhielten wir
30 Unterschriften für Frau Bihamba und wurden über 20 Briefe los, in denen
die Bestrafung der Mörder von Pfarrer Matanovic gefordert wurde. Besonders
gefreut hat uns, dass sich auch Pfarrer Steinmetz an der Brief- und Unterschriftsaktion
beteiligte. Wir danken der Gemeinde und ihrem Pfarrer für ihr Interesse
und ihre Gastfreundschaft und wünschen ihr, dass die Mütter am Ort ihre
Kinder unbeschadet auf die Welt bringen und die Leute in Frieden alt werden,
denn dafür ist der Hl. Antonius ebenfalls zuständig.
20 Jahre Mauerfall (9. November)
Beim umfangreichen Programm von Kulturamt und Volkshochschulen zum Thema
Mauerfall waren wir auf zwei Veranstaltungen (mit) vertreten. Die erste
Veranstaltung wurde schwerpunktmäßig von der Realschule, dem Gymnasium
und der Kulturreferentin Frau Jooß ausgerichtet. Die Realschule hatte
eine Ausstellung zum Thema "Die deutsch-deutsche Grenze" vorbereitet,
das Gymnasium steuerte eine Ausstellung über "Mauern heute" bei.

Die Gedenkfeier war hochkarätig besetzt (Bürgermeisterin, Schulleitungen)
und bot ein anspruchsvolles und vielfältiges Programm aus Ansprachen,
Musik, Lesungen, szenischer Darbietung und handgreiflichem "Straßentheater".
Das Programm hätte für zwei Stunden gereicht, aber leiden standen nur
45 Minuten zur Verfügung. So müssen wir etwas kleinlaut eingestehen, dass
die Redakteurin des Merkur mit ihrem Kommentar "ein Paradebeispiel dafür,
wie eine Gedenkfeier nicht ablaufen soll" nicht ganz daneben lag. Aber
dafür kam es zu erstaunlichen historischen Parallelen. Wir erlebten das
Phänomen "Republikflucht" am eigenen Leib, weil um 13.00 Uhr die Schülerinnen
und Schüler in Massen zum Zug eilten und uns beim symbolischen Mauerdurchbruch
im Krankenhauspark weitgehend alleine ließen. Und dann hatten die Männer
vom Bauhof die Mauer so solide gebaut, dass unsere "Mauerspechte" einige
Mühe hatten, den ersten Stein heraus zu brechen. Deshalb, so noch einmal
der Kommentar, "dauerte der Mauerfall noch einmal gefühlte 20 Jahre" -
wie letztlich die deutsche Einheit auch.

In unserem Redebeitrag "Mauern überall" versuchten wir, das Thema "Mauern"
in einen größeren (humanitären und geopolitischen) Zusammenhang zu stellen,
indem wir auf Mauern hinwiesen, hinter denen politische Gefangene weggesperrt
werden, die Felder und Länder trennen und die Flüchtlinge auf Distanz
halten. Die "Festung Europa" sollte dann unser Ausstellungsbeitrag im
Dezember werden.
Es mag nicht optimal gelaufen sein, aber es hat uns gefreut, dass so viele
Leute ihren Beitrag geleistet haben. Und vergessen Sie nicht: Im Schlussteil
von Günter Schabowskis denkwürdiger Pressekonferenz ist es noch viel chaotischer
zugegangen.
Miesbach im Lichterglanz (29. November)
Zum 2. Mal nahmen wir im Rahmen des großen Novemberspektakels "Miesbach
im Lichterglanz" an der Aktion der römischen Basisgemeinde San Egidio
"Städte für das Leben, Städte gegen die Todesstrafe" teil. Die Stadt hatte
wiederum das Rathaus beleuchtet und sehr dekorativ das Transparent "Ja
zur Lebensfreude - Nein zur Todesstrafe" angebracht. Leider hat es in
der Nacht der 1000 Lichter nicht mehr zum Licht 1001 gereicht: Man hatte
vergessen, die Beleuchtung des Transparents anzuschalten, aber dafür durften
wir das städtische Stromnetz für unseren Crêpes-Stand anzapfen.
Thematischer Schwerpunkt war heuer Belarus/Weissrussland, das einzige
Land in Europa, wo die Todesstrafe noch vollstreckt wird. Die Verurteilung
kann auf Grund von erfolterten Geständnissen erfolgen, die Berufungsmöglichkeiten
sind eingeschränkt, die Hinrichtung erfolgt ohne Ankündigung und ohne
Unterrichtung der Angehörigen, die Leichen werden an einem geheimen Begräbnisort
verscharrt. Wir haben die Praktiken an dieser Stelle so ausführlich beschrieben,
weil es uns nicht gelang, in jener Nacht das "ja" mit dem "nein" zu verknüpfen,
d.h. neben unseren Crêpes auch noch Postkarten abzusetzen. Wer es versuchte,
stand einsam auf weiter Flur.

Aber dafür lief der Bauchkonsum, das "Ja zur Lebensfreude" umso besser.
Unser Chefcrêpier/Pfannenkuchenmeister schwelgte in der Rückschau in den
höchsten Tönen: "Auch die Teigmenge wurde auf 15 Liter erhöht, hat aber
noch nicht gereicht. 20 Minuten vor dem offiziellen Ende mussten wir aufhören.
Wir starteten um 17.00 Uhr, sollten aber eigentlich eher anfangen, denn
wir mussten einige Kunden vertrösten."
Hier die Belegschaft - etwas angespannt, aber in voller Aktion:
und
da die Kundschaft - in freudiger Erwartung (und sichtlich froh, dass sie
nicht in Weißrussland leben müssen)
 |
Ausstellungseröffnung: Bootsflüchtlinge vor der Festung Europa (4.
Dezember)
Wir sind kurz einmal ins Bett gegangen und standen dann fünf Tage später
wieder auf der Matte. Wie im letzten Jahr waren wir in der "staden Zeit"
besonders unstad/unstet. Aber man kann halt nicht den Advent, den Tag
der Menschenrechte und Weihnachten in den August verlegen.
Wir hatten die Aufgabe, im Rahmen des Großprojekts "Mauern fallen, Mauern
bleiben" die Festung Europa abzudecken. Die ai-Gruppe Braunschweig hat
uns das Material geliefert, die Stadtbücherei hat uns die Räume zur Verfügung
gestellt, und die vertrauten "Mittäter" (Kulturreferentin, Volkshochschule
und kath. Kreisbildungswerk) sind bereitwillig "ins Boot gestiegen" -
wenn in diesem Zusammenhang dieses Bild erlaubt ist. Die Boote, die die
Flüchtlinge in Nordafrika besteigen, sind nämlich alles andere als seetüchtig
und oft bleibt von ihnen nur noch das Paddel und von ihrer Besatzung nur
noch die Leichen übrig. "Wenn es Sommer wird, sterben die Menschen", so
beschreibt ein spanischer Fischer die Situation an der Südseite der EU.
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Zur
Eröffnung kamen etwa 25 Personen, weitgehend vertraute Gesichter.
Wir hatten drei afrikanische Musiker eingeladen, deren virtuoser
Trommelwirbel andeutete, was sich auf diesem Kontinent zusammenbraut.
Ein Film beleuchtete die Widersprüche des Frontex-Einsatzes - Effektivität
zu Lasten der Humanität.
So stritt der damalige Innenminister Schäuble vehement ab, dass
Flüchtlingsboote in internationalen Gewässern wieder nach Nordafrika
abgedrängt werden und den Flüchtlingen damit die Chance auf ein
Asylverfahren verweigert wird.
Zu welchen Tragödien es dabei kommt, zeigte der Fall der jungen
Huriya Awwan. Das alte Fischerboot, das 120 Personen nach Europa
bringen soll, stößt mit dem italienischen Patrouillenboot Minerva
zusammen und zerbirst in Stücke. Am Ende zählt man 10 Leichen und
40 Vermisste. Ein italienischer Journalist zeigt dem Staatsanwalt
in Agrigent ein Foto von der Autopsie Huriyas. Der Staatsanwalt
erinnert sich "sichtlich bewegt an ihre gefaltete Visitenkarte,
die mit einem Klebeband auf ihrer Brust befestigt war, damit sie
bei der Überfahrt nicht nass würde. Darauf waren die Telefonnummern
ihrer drei Brüder in Spanien vermerkt." Huriya besaß ein Diplom
als Informatikerin und hoffte, sie könnte in Europa eine gute Arbeit
finden.
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Wie gut die Ausstellung dann besucht wurde, entzieht sich unsere Kenntnis.
Im Begleitbuch waren zwei Einträge. Ein Eintrag lautete: "Eine sehr schöne
Ausstellung - beeindruckend, informativ und ergreifend." Ergreifend auch
der Kommentar eines Flüchtlings, der uns Europäer an die Vergangenheit
erinnerte, als wir übers Meer zu ihnen fuhren: "Als die Weißen nach Afrika
kamen, wurden sie nicht wie illegale Immigranten behandelt."
Wir danken allen Beteiligten für die Vorbereitung und Beherbergung der
Ausstellung und für die Mitwirkung an der Eröffnung.
Adventszauber (6. Dezember)
Wir sind dann kurz einmal ins Bett gegangen und standen zwei Tage später
wieder auf der Matte. Diese Wiederholung ist keine stilistische Schwäche,
sondern hat eher mit biologischer Ermüdung zu tun. Die "Matte" waren diesmal
Holzpaletten, denn am Adventsmarkt ist es kalt, und man kann ja nicht
gut die Füße in eine Glühweinschüssel stellen. Und da wir Wert auf Stil
legen, haben wir auch noch einen Teppich unterlegt. Dieses exklusive Ambiente
passte gut zu unserem Angebot an Keramik, Holzprodukten, Krippenställen
und Socken, für deren Herstellung wieder unser Dank an die Damen Schmalhofer-Jacobi
und Schreiber, den Fischbachauer Missionskreis, an die Herren Giebe, Schmucker,
Fischer, Six und Bracher, die Berufsschule Miesbach und eine anonyme Sockenstrickerin
aus Holzkirchen geht. Ohne Sie müssten wir Glühwein oder Kesselfleisch
verkaufen!
Unser Dank gilt aber auch den Organisatoren des Marktes, der Kulturreferentin
und der Stadt Miesbach, die trotz eines angegriffenen Stadtsäckels die
Standgebühren erschwinglich gehalten hat. Nicht zuletzt dank unserer "Filiale"
am Weihnachtsmarkt in Fischbachau konnten wir unseren Vorjahreserlös halten.

Autorenlesung Lutz Rathenow (7. Dezember)
Zur Lesung von Lutz Rathenow, Oppositioneller zu DDR-Zeiten, preisgekrönter
Autor heute, hatte das Kulturamt eingeladen. Wir haben uns gefreut, dass
wir im Programm als Mitveranstalter auftreten durften - und trotzdem keine
Arbeit hatten. Wir haben lediglich ein paar Ankündigungsplakate verteilt,
aber nicht mehr die Kraft gehabt, einen Infostand zu betreiben. Im Publikum
dominierten die Damen. Haben sie mehr Feingefühl dafür, wie man "Gelächter
sortieren" kann, oder wurden sie beim Betrachten des Faltblatts von der
ausgeprägten Maskulinität von Herrn Rathenow angezogen? Wenn letzteres
der Fall sein sollte, werden wir ihn bitten, bei unserem nächsten Infostand
auszuhelfen.
4. Unsere Fälle
4.1 Mansour Ossanlu (Iran)
Bevor wir Ihnen unseren neuen Fall vorstellen, möchten wir an zwei Altfälle
aus dem Iran erinnern, für die Sie vielleicht in der Vergangenheit schon
Appellbriefe versandt haben. Abbas Lisani, ein Kämpfer für die Rechte
der aserbaidschanischen Minderheit, wurde im Oktober 2008 entlassen, nicht
ohne seiner Familie damit zudrohen, "dass man ihn wieder festnehmen würde,
wenn er in einer aserbaidschanischen Stadt an einer Veranstaltung teilnehmen
oder sich einer Bewegung anschließen würde". Ob er fristgerecht oder vor-/nachzeitig
entlassen worden ist, entzieht sich unserem Vorstellungsvermögen, da ihm
während seines Gefängnisaufenthalts immer wieder eine neue Haftstrafe
"draufgesattelt" wurde.
Und im Januar hat sich, mit anderen im Exil lebenden iranischen Intellektuellen,
Akbar Ganji zu Wort gemeldet. Sie haben "vorläufige Forderungen der Grünen
Bewegung" vorgelegt und u. a. den Rücktritt Ahmadinejads und Neuwahlen
gefordert. Wir hatten Ganji bis zu seiner Freilassung im März 2006 betreut,
leider ohne auf die Länge seiner Inhaftierung Einfluss nehmen zu können.
Aber wir freuen uns, dass er sich nicht ins Privatleben zurückgezogen
hat und sind zuversichtlich, dass eines Tages für Leute wie ihn in seiner
Heimat wieder Platz sein wird.
Das
gilt auch für den Gewerkschaftler Mansour Ossanlu, dem Ex-Vorsitzenden
der Busfahrergewerkschaft in Teheran, der im Februar 2007 wegen "Aktivitäten
gegen die nationale Sicherheit" und "Propaganda gegen das Regime"
zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde.
Gemeint waren seine Kontakte zur internationalen Gewerkschaftsbewegung,
aber damit kann man natürlich keine Haftstrafe begründen.
Bei der Verhaftung im Juli 2207 hat man ihm fast ein Auge ausgeschlagen
und ihn erst einige Monate später und nach internationalen Protesten
an seiner Verletzung operiert. |
|
Wir haben bei den Gewerkschaftsveranstaltungen am 1. Mai, wie bereits
erwähnt, Appellpostkarten mit dem schnörkellosen Aufdruck "Freiheit für
Mansour Ossanlu" an die Adresse des iranischen Botschafters verteilt,
einen Brief an den iranischen Justizminister geschrieben und auf einer
Petitionsliste Unterschriften gesammelt. An Ossanlu selber werden wir
Ansichtskarten schicken. Wir sind uns im Klaren, dass solche Appelle für
Einzelpersonen umso ungehörter verhallen, je mehr im ganzen Land das Feuer
auf dem Dache lodert, aber vielleicht wird dieses Feuer einmal dazu beitragen,
dass man Gewerkschaftler nicht mehr willkürlich einsperrt.
4.2 Justine Masika Bihamba (Demokratische Republik Kongo)
 |
In
diesem Lande lodert das Feuer schon jahrelang auf den Dächern. Die
Männer "spielen" Krieg und wenn eine Frau des Weges kommt, wird sie
vergewaltigt.
Frau Bihamba ist Koordinatorin des "Frauennetzwerks gegen sexuelle
Gewalt" in Goma/Ostkongo. In den letzten fünf Jahren betreute sie
8.000 überlebende Opfer von sexuellen Gewaltakten.
Im September 2007 drangen Soldaten der Regierungsarmee in ihrer Abwesenheit
in ihr Haus ein, griffen zwei ihrer Töchter an und flohen, als Justine
zurück kam und die Behörden informierte.
Obwohl Justine, ihre Kinder und andere Haushaltsmitglieder die Täter
identifizieren konnten, weigerte sich die Militärpolizei, sie zu verhaften
- "aus Mangel an Beweisen". |
Auf ihre Anzeige hin versprachen Armeeoffiziere und Provinzgouverneur,
die Sache vor Gericht zu bringen, aber bisher ist nichts geschehen.
"Alles was wir wollen, ist ein Ende der Straflosigkeit", sagte Justine
zu Amnesty International. Das wollten wir auch mit unserer Briefaktion
erreichen. Und genau das sagte auch US-Außenministerin Clinton, als sie
im August 2009 kurz vor ihrem Besuch in Goma mit Präsident Kabila zusammentraf.
"Es muss Schluss damit sein, dass Frauen im Krieg missbraucht werden."
Im Jahre 2008 registrierte die UN 7703 Sexualverbrechen im Ostkongo; aber
nur 27 Täter seien von Militärgerichten verurteilt worden. In jüngster
Zeit werden immer mehr Männer vergewaltigt - aber sicher nicht von Frauen.
Wie prekär die Situation von Menschenrechtlerinnen ist und wie mutig die
Frauen sind, zeigt eine Meldung vom Januar 2010. Eine Frauengruppe aus
Goma wollte Präsident Kabila ein Friedensmemorandum überreichen. Sie forderte
darin "regelmäßige Bezahlung der Soldaten, den Aufbau einer staatlichen
Justiz sowie die Bestrafung der Vergewaltiger und Mörder". Die Frauen
hatten einen offiziellen Termin bei Kabila, wurden aber zunächst nicht
empfangen. Als sie vor dem Palast in einen Sitzstreik traten, raste plötzlich
ein Minibus in die Gruppe und verletzte einige Frauen schwer. Im Anschluss
an diesen "Unfall" konnten sie dem Präsidenten ihr Memorandum übergeben.
5. Die Briefe gegen das Vergessen
Da wir seit längerer Zeit keine neuen Abonnenten für diese Monatsbriefe
gewinnen konnten, sondern eher welche verloren haben, erlauben wir uns,
den Abschnitt aus unserem letzten Jahresbericht zu zitieren, der sich
mit den Formalitäten und der "Erfolgsquote" dieser Aktionsform befasst.
Wir tun dies in der Hoffnung, dass Sie Ihr Abonnement weiterführen, sich
zu einem solchen entschließen oder Bekannte dazu animieren.
"Auch diesmal wollen wir mit Nachdruck für dieses Abonnement werben.
Es handelt sich dabei um eine relativ einfache Möglichkeit, unsere Arbeit
zu vervielfältigen. Sie würden pro Monat sechs vorgefertigte Briefe (drei
davon an Botschaften in Berlin) bekommen, die in Fensterkuverts passen
und nur noch unterschrieben und frankiert werden müssten. Man kann die
Briefe auch elektronisch von unsere Homepage (www.amnesty-miesbach.de)
abrufen und sie wegfaxen oder wegmailen, wobei zu vermuten ist, dass Mails
weniger Chancen haben, gelesen zu werden, als die beiden Papierformen.
Bei fremdsprachigen Briefen fügen wir selbstverständlich auf Deutsch das
Hintergrundmaterial bei, damit sie nicht Ihr eigenes Todesurteil unterschreiben.
Die Aktion hat eine Erfolgsquote von 33%. Wenn man aus der Ziffer Menschen
macht, heißt das: Bei einem Drittel der Fälle wurden Haftstrafen reduziert
oder erlassen, Todesurteile umgewandelt, Haftbedingungen verbessert oder
Täter vor Gericht gestellt."
Neu war in diesem Jahr, dass wir gleich zwei Mal eine Antwort bekamen,
was immerhin eine Steigerung von 100% bedeutete. Allerdings waren die
Antworten von sehr unterschiedlicher Qualität. Im September fragten wir
bei der EULEX (Rechtsstaatlichkeitsmission der EU im Kosovo) nach den
Verantwortlichen für den Tod des Romas Daka Asani an. Der Brief sollte
nach Pristina gehen, aber er kam aus Belgrad zurück, wo man uns, in mangelhaftem
Englisch, kundtat, dass der Briefverkehr in den Kosovo "derzeit unterbrochen"
sei. Wir hoffen nur, dass der Leiter von EULEX noch über andere Informationswege
verfügt. Im Januar hatten wir uns für die Umweltschützerin Esther Landetta
(Ecuador) eingesetzt. Sie war durch ihren Kampf gegen illegale Bergbauaktivitäten
(mutmaßlich) bei der betroffenen Mafia in Ungnade gefallen und wurde nach
Morddrohungen unter Polizeischutz gestellt. Aus dem Justizministerium/Abteilung
Menschenrechte kam postwendend eine zweiseitige Antwort in blumigstem
Spanisch. Darin wurde uns versichert, dass der Polizeischutz funktioniere
und dass er "für den Zeitraum gelte, während dessen sie in Schwierigkeiten
steckt".
Es sei an dieser Stelle herzlich jenen gedankt, die uns beim Verfassen
und Übersetzen der Briefe zur Hand gehen: Irene Scherm, Rachel Bull und
Peter Jacobi. Dieser Dank gilt natürlich auch unseren Abonnent(inn)en,
die oft schon seit Jahren/Jahrzehnten unsere Briefe absenden. Wir fragen
lieber nicht weiter nach, was Sie mit dem Portogeld sonst angestellt hätten.
In Holzkirchen haben wir die Vorstellung dieser Aktionsform mit einem
Gedicht von Hölderlin abgeschlossen, und weil es so gut zur (gefühlten)
Erfolgsquote passt, möchten wir es Ihnen nicht vorenthalten.
Was
wäre das Leben
ohne Hoffnung?
Ein Funke, der aus der Kohle
springt und verlischt,
und wie man bei trüber Jahreszeit
|
einen
Windstoß hört,
der einen Augenblick saust
und dann verhallt,
so wäre es mit uns.
Es lebte nichts, wenn es nicht hoffte.
|
6. Die Eilaktionen/Urgent Actions (UA'S)
Bei diesem Aktionsnetzwerk wirken weltweit rund 80.000 Personen mit, die
in Fällen von drohender Hinrichtung, Anwendung der Folter oder willkürlicher
Verhaftung die Behörden der betroffenen Staaten mit Briefen, Faxen und
Mails "zuschütten". Wie bei den Briefen gegen das Vergessen zählt das
Ausmaß der internationalen Reaktion: Je mehr Öffentlichkeit hergestellt
werden kann, desto größer sind die Chancen auf Abstellung oder Verhinderung
der Missstände.
Im Jahre 2008 wurden 350 Eilaktionen durchgeführt, und wir sind stolz
darauf, dass wir seit 2009 wieder voll dabei sind. Zwei Gruppenmitglieder
haben sich die Bearbeitung aufgeteilt und können sich über Arbeitsmangel
nicht beklagen. U.A. heißt für sie nach wie vor auch "unter anderem",
denn bei sieben UA's pro Woche muss man auswählen, und das fällt nicht
leicht.
7. Die Kampagnen
Auch in diesem Jahr haben wir unter willigem Seufzen an mehreren Kampagnen
teilgenommen. Von den Postkarten in die USA (Guantánamo) und nach Burundi
(sexuelle Gewalt) war bereits die Rede. Die Burundi-Kampagne war eine
Neuauflage, denn wir fragten nach, was aus dem Versprechen des Jahres
2008 geworden sei, eine Kommission einzusetzen, um die Fälle sexueller
Gewalt zu registrieren und zu untersuchen. Das Anliegen von ai ist auch
im Lande selbst aufgegriffen worden, was die Wirksamkeit einer Kampagne
nur steigern kann.

Tag- und nachtaktiv waren die beiden Arbeitsgruppen, die uns mit Rundbriefen
und Appellen gegen die Todesstrafe versorgten. Gute und schlechte Nachrichten
scheinen sich bei diesem Thema die Waage zu halten, aber der Trend geht,
Gott sei Dank, in die richtige Richtung. So haben Staaten wie Neu Mexiko/USA,
Togo und Burundi die Todesstrafe abgeschafft, Ghana und Russland ein Moratorium
(Hinrichtungsstopp) verkündet oder verlängert. Im Gegenzug erwägt Südkorea,
unter dem Schock eines 10-fachen Frauenmordes, die Wiedereinführung, während
in Saudi-Arabien (Prinzen natürlich ausgenommen!) der Täter nicht nur
hingerichtet, sondern im Anschluss auch noch öffentlich gekreuzigt wird.
Besonders erschüttert hat uns die Hinrichtung von Delara Darabi/Iran,
zum einen weil sie zur Tatzeit des Mordes erst 17 war und die Tat wahrscheinlich
von ihrem Freund begangen wurde, zum anderen, weil geballter internationaler
Protest nichts gefruchtet hatte.
Wir wünschen den beteiligten Instanzen, dass ihnen nach ihrem Tode nicht
die 72 Paradiesjungfrauen (Huris) entgegentreten, sondern die Darabis,
die sie auf dem Gewissen haben.

Der Arbeitsschwerpunkt von ai wird bis 2016 (und wohl noch darüber hinaus)
die Kampagne "Mit Recht gegen Armut/Demand Dignity" sein. Beide Titel
sind von der Formulierung her nicht kampagnenfähig, aber das Wort "dignity"
allein besagt eindeutig, worum es geht: Es geht um die "Würde" des Menschen,
der seiner Rechte beraubt ist - und dieses Mal handelt es sich um wirtschaftliche
Rechte (Recht auf Mitsprache bei Großprojekten/Nigeria) soziale Rechte
(Recht auf angemessene Ernährung/Simbabwe) und kulturelle Rechte (Recht
auf Schulbesuch/Afghanistan). Wir geben zu, dass diese Kampagne zunächst
nicht dem westlichen Geschmack entsprach, da wir von unserer Vergangenheit
her mehr auf die bürgerlichen Freiheitsrechte fixiert und die WSK-Rechte
bei uns weitgehend verwirklicht sind. Aber wenn ai eine internationale
Organisation sein will, werden wir uns (wohl oder übel) auch mit Menschenrechtsverletzungen
dieser Art herumschlagen müssen.
In der Gruppe haben wir als erstes das Thema "Zwangsräumungen in Kambodscha"
aufgegriffen und zum Tag der Menschenrechte im Dezember rund 40 Postkarten
und Broschüren in der evangelischen Kirche verteilt. Zum Frauentag 2010
werden wir Frauengruppen bitten, mit uns auf eine Bekämpfung der Müttersterblichkeit
in Burkina Faso hinzuwirken.
In diesem Zusammenhang ist eine Leserbriefkontroverse im Amnesty Journal
erwähnenswert, die im Sommer 2009 ablief. Da stellte ein ai-Mitglied die
provokante Frage: "Wen will ai denn eigentlich erreichen - werden ein
paar Menschen, die am Marienplatz gegen Slums in Johannisburg/Südafrika
protestieren von irgendjemand in Johannisburg wahrgenommen?" Die ai-Spitze
in Deutschland antwortete mit einem Gegenbeispiel: In Sao Paulo/Brasilien
erhielten Hausbesetzer eine Ersatzbleibe oder einen Pauschalbetrag, nachdem
ai mit einer Eilaktion (UA) gegen die geplante Zwangsräumung protestiert
hatte. Wer würde sich da nicht an die Chaostheorie vom Flügelschlag des
Schmetterlings erinnert fühlen?
Und wie könnte man das Anliegen der Kampagne besser illustrieren als mit
diesem Mutmacherfoto?

8. Die Finanzen
Seit über drei Jahrzehnten ist der Finanzbericht zweihändig zu schreiben.
Da tippt zum einen der Gruppensprecher ins Manuskript, dass er sich freut,
dass die Veranstaltungen etwas abgeworfen haben, dass die Förderer/Förderinnen
und Spender/Spenderinnen uns die Stange gehalten haben, dass wir in einer
Bücherei eine Sammelbüchse aufstellen dürfen, dass uns Schaukasten und
Veranstaltungsorte kostenlos zur Verfügung stehen. Der Jahresbeitrag von
2.200 Euro? Kein Problem bisher! Zum anderen aber schaut dem Gruppensprecher
ein "Finanzminister" über die Schulter, und der mahnt zur Vorsicht: "Trag'
nicht zu dick auf, sonst springen sie ab und spenden noch für die Bayrische
Landesbank."
Aber beide Berichterstatter sind sich darin einig, dass die Aktivitäten,
die nicht der Finanzbeschaffung dienten, auch deshalb so zahlreich waren,
weil wir "den Rücken frei hatten" und keine Angst haben mussten, dass
uns die Dachorganisation den Gerichtsvollzieher schicken würde. Danke!
9. Die Gruppe
Im Gegensatz zu Berlin hat es in unserer Gruppe weder einen Regierungswechsel
noch sonstige weit reichende Veränderungen gegeben. Wir sind nur alle
ein Jahr älter geworden, was ein Gruppenmitglied zu der Feststellung veranlasste:
"Wenn ich um mich blicke, sehe ich lauter graue Haare." So grau ist es
nun auch wieder nicht, aber natürlich würde uns eine "Verjüngungskur"
nicht schaden. Erfreulich aber war, dass einige Mitglieder ihre Mitarbeit
deutlich intensiviert haben, und dass unsere Neuzugänge bereitwillig Aufgaben
übernommen haben, um die sich die (dienst) älteren Mitglieder, einschließlich
des Gruppensprechers, gerne rumdrücken.
10. Ausblick
Da wollen wir es heuer mit einem Sylvestergedicht von Josef Guggenmos
halten:
Vom
alten Jahr stoße ich ab.
Am neuen lege ich an.
Morgen spring ich an Land.
Dies Land, was ist's für ein Ort?
Es ist keiner, der's weiß.
Keiner war vor mir dort.
Wir wissen nämlich auch nicht so genau, was wir 2010 vorhaben. Vielleicht
können wir den Abend über Afghanistan nachholen, vielleicht Pater Primus
Asega, der in Uganda tätig und in Miesbach als "Ferienaushilfe" bekannt
ist, für einen Vortrag über die Region Uganda/Ostkongo gewinnen. Schön
wäre es natürlich auch, wenn sich ein Kabarettist/ eine Kabarettistin
oder eine Musikgruppe fände, die unseren guten Ruf als Gruppe, die zwar
keine Kultur schafft, aber Kultur für sich vereinnahmt, sprich, zu einem
Auftritt verpflichtet. Und auf lange Sicht hegen wir den Traum, ob man
nicht einmal die zahlreichen Künstlerinnen und Künstler, die aus den Schulen
des Landkreises hervorgegangen sind, zu einer Nostalgieausstellung versammeln
könnte.
Spuren im Land (11):
"Ein Kind des Krieges"

In
unserem Textprojekt "Spuren im Land" möchten wir von Ereignissen im jetzigen
Landkreis Miesbach berichten, wo es im Laufe der Geschichte zu Verletzungen,
aber auch zur Verteidigung von Menschenrechten gekommen ist, und das manchmal
schon lange, bevor die "Menschenrechte" als Begriff überhaupt existierten"
bzw. in der Politik eine Rolle spielten.
"Bayern und Frankreich: Wege und Begegnungen" lautete im 2006 der Titel
einer Ausstellung der beiden Staatsarchive, und von verschlungenen Wegen
und Begegnungen soll auch diese Folge unseres Textprojektes "Spuren im
Land" handeln. Im Mittelpunkt stehen diesmal ein kleiner Franzosenbub
und seine bayerische "Erstfamilie", die der 2. Weltkrieg und die Nachkriegszeit
zusammengebracht und auch wieder getrennt hat. Es ist eine sehr persönliche
Geschichte, weil sie bis in die Gegenwart hineinreicht, weil sich Gérard/Gerti
P. und die Geschwister H. im Jahre 2009 nach 60 Jahren wieder getroffen
haben, weil sie gemeinsam die Wege ihrer Kindheit abgeschritten sind und
weil aus den Mosaiksteinchen ihrer Erinnerungen eine Geschichte entstanden
ist, die der Krieg lange überschattet, aber bei der er nicht das letzte
Wort gesprochen hat.
Wir schreiben November 1944. Im Krankenhaus in Miesbach hat eine Französin
einen Sohn zur Welt gebracht. Den Vater, jüdisch-ukrainischer Abstammung
und französischer Soldat in Kriegsgefangenschaft, hatte sie im Arbeitslager
von Moosburg kennen gelernt. Fritz H. ist damals 12 Jahre alt. Eine Bekannte
seiner Mutter und (vermutlich) der Französin nimmt ihn mit, um die junge
Mutter zu besuchen. Es scheint eine schwere Geburt gewesen zu sein, denn
die Frau weinte und brachte zum Ausdruck, dass sie das Kind nicht haben
wollte. Fritz nahm das Baby in den Arm und brachte es seiner Großmutter
Frau P., nach Aussagen aller Beteiligten eine fromme und herzensgute Frau.
Die "Kindsentführung" fand übrigens unter dem wohlwollenden Lächeln der
Schwester Ambrosia statt, die älteren Miesbachern sicher noch als resolute
"Männerschwester" in Erinnerung ist. Ob die Schwester lächelte, weil sie
glaubte, Fritz würde den Buben spazieren fahren oder weil sie schon ahnte,
dass ihm "etwas Besseres als der Tod" allemal widerfahren würde, wissen
wir nicht so genau.
Was Gérard/Gerti P. aber noch genau weiß ist, wie gut es ihm "in Feindesland"
ergangen ist. In seinen Erinnerungen heißt es: "Aufgezogen in einer deutschen
Familie, ... verwöhnt von einer Großmutter, die mich wahrlich wie einen
Enkel behandelte, hatte ich Brüder und Schwestern, und meine Muttersprache
war bayerisch. ... Ich erinnere mich noch an ein großes Haus am Fuße eines
Abhangs, mit einer großen Treppe, die ins Freiland führte, wo ich mich
manchmal niedersetzte, nachdem ich sie unzählige Male auf- und abgelaufen
war. Und da waren die große Kirche und der Totenkerker, wo tausend Kerzen
brannten. Oma war eine sehr fromme Frau und nahm mich jeden Tag, und oft
auch zweimal am Tag, zum Beten mit. Und was mich noch heute ergreift und
mir im Ohr verblieben ist, waren die Weihnachtslieder, die mit solcher
Inbrunst gesungen wurden, dass mich noch heute ein wohliger Schauder ergreift.
Und dann der lange Weg zum Kindergarten, den ich mit einem Freund zurücklegte.
Kurz - ein echtes Familienleben!"
Dieses Nachkriegsidyll wurde jäh unterbrochen, als im Jahre 1949 ein Jeep
mit amerikanischem Militär auftauchte und den Buben ohne Vorwarnung und
nur mit der Kleidung, die er am Leibe trug (Lederhose und selbst genähtes
Leinenhemd), in ein Kinderheim nach Bad Aibling brachte. Die Großmutter
hatte gerade noch Zeit, ihm ein Kreuzzeichen auf die Stirn zu machen und
ihm ein "Ich werde Dich nie aufgeben" zuzurufen, während sie weinend dem
Jeep nachlief. Später sollte sich herausstellen, dass ihn die leibliche
Mutter zurückgefordert hatte - weniger für sich als für Frankreich. Gerti,
wie wir ihn hier noch einmal nennen, schreibt lakonisch: "Auf diese Weise
habe ich die Familie verlassen, von der ich glaubte, sie sei meine eigene
Familie. Und so habe ich auch Miesbach verlassen."
Nach seinem Besuch im Jahre 2009 haben wir uns ein wenig auf Spurensuche
gemacht. Wir haben Nachbarn befragt, Altersgenossen, die mit ihm gespielt
haben könnten oder mit ihm vielleicht im Kindergarten waren, aber bis
jetzt haben wir niemand gefunden, der sich an ihn erinnern konnte. Dafür
ist er seiner einstigen Pflegefamilie umso stärker im Gedächtnis geblieben,
denn noch in den 50er Jahren versuchten sie, Gérard zu adoptieren.
Der Krieg war für den kleinen Gérard in Frankreich nicht wirklich vorbei.
In der Schule war er wegen eines bayerischen Akzents (und seiner Lederhose)
noch lange der "Schleu" oder der "Boche" (Schimpfnamen für Deutsche),
eine Lehrerin, deren Mann von der Gestapo umgebracht worden war, machte
ihm das Leben sauer, und seine Adoptiveltern enthielten ihm die Briefe
vor, die aus Miesbach kamen. Ein Besuch in Miesbach im Jahre 1966 wurde
für ihn zu einer "schrecklichen Prüfung". Zwar sah er die Großmutter wieder,
aber als sich seine Adoptiveltern hinzugesellten, war der junge Mann durch
die "Doppelung" emotional überfordert. Die Großmutter hat ihn wieder erkannt
und gemeint, nun "könne sie in Frieden sterben".
Für Gérard kam die Zeit, als er seine Vergangenheit zu bewältigen suchte,
indem er sie verdrängte und sich seiner Karriere widmete, und er brauchte
40 Jahre und die Ermutigung durch seine Frau, bis er sich ihr wieder stellte.
Er schloss sich einer Vereinigung an, wo sich "Kinder des Krieges" gefunden
hatten, er fand den Namen seines (verstorbenen) leiblichen Vaters heraus,
erfuhr, dass seine jüdische Halbschwester in Auschwitz umgekommen war
und traf dann, nach über 60 Jahren, wieder mit seiner leiblichen Mutter
zusammen.
Jetzt war für ihn auch die Zeit gekommen, Miesbach einen weniger vorbelasteten
Besuch abzustatten. Durch Vermittlung des hiesigen Stadtarchivars erhielt
er die Adressen seiner Pflegegeschwister, und es war ein bewegender Moment,
als er sich mit zwei von ihnen vor dem einstigen Heimathaus ablichten
ließ. Der Krieg war (endgültig) vorbei; der Großmutter und seiner ersten
Familie ist er heute noch dankbar.
Erinnerung
an vergangene Tage: Gérard P. auf dem Schoß der Oma Anna P. (links)
und zwischen seinen Pflegegeschwistern Anna P. und Fritz H. (rechts)
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Kontaktadressen
und Kontonummer
Fritz Weigl, Wallenburger Str. 28 d, 83714 Miesbach
Tel.: 08025/3895, Fax: 08025/998030, Mail: fritz.weigl@gmx.de
Bernard Brown, Carl-Weinberger-Str. 5, 83607 Holzkirchen
Tel.: 08024/3502, Mail: bernard.brown@web.de
Homepage: www.amnesty-miesbach.de
Bank für Sozialwirtschaft (BfS) Köln, BLZ 370 205 00
Konto-Nr. 80 90 100, Gruppe 1431 (Gruppennummer unbedingt mit angeben)
Wir danken für Ihr Interesse und Ihre Unterstützung.
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